Prävention und Bekämpfung von Infektionen

Verbund für Angewandte Hygiene e.V. - 10 Jahre

Qualitätssicherung in der Prävention und Bekämpfung von Infektionen
Ein Interview mit Prof. Dr. med. Volker Hingst

H&M: Am 11. November 2013 besteht der Verbund für Angewandte Hygiene (VAH) e.V. 10 Jahre. Sie sind bereits seit der Gründung Vorsitzender des VAH! Im nächsten Jahr werden Sie Ihr Amt zur Verfügung stellen müssen, da satzungsgemäß eine Wiederwahl nicht möglich ist. Wenn Sie diese 10 Jahre Revue passieren lassen, welche Gedanken stehen für Sie dabei im Vordergrund?

V.H.: Eine große Zufriedenheit über das Erreichte und ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit an alle Mitstreiter und Wegbegleiter innerhalb und außerhalb des VAH. Zusammen haben wir es erreichen können, dass der VAH mit seiner Desinfektionsmittel-Kommission (DMK) in Europa und zum Teil auch darüber hinaus als eine der ersten Adressen wahrgenommen wird, wenn es um die Qualitätssicherung der Wertbestimmung von Desinfektionsverfahren und den dabei anzuwendenden Produkten geht.

Prof. Dr. med. Volker Hingst

Prof. Dr. med. Volker Hingst

VAH



H&M: Können Sie hierfür konkrete Beispiele nennen?

V.H.: Es ist dem VAH gelungen, neben persönlichen Mitgliedern, die nach dem deutschen Vereinsrecht ohnehin notwendig sind, wichtige wissenschaftliche Fachgesellschaften und Verbände als Verbundmitglieder zu gewinnen. Dazu gehören die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, die Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie, die Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin, der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdiensts, der Bundesverband der Hygieneinspektoren und der Berufsverband der Hygieniker. Dadurch werden die Kontakte und der fachliche Dialog gestärkt, auch ohne so etwas wie einen Dachverband anzustreben. Zudem haben nach der Satzung die Fachgesellschaften und der ÖGD-Bundesverband ein Vorschlagsrecht für die Kandidaten bei Vorstandswahlen. Ich würde es begrüßen, wenn auch weitere Verbände und Vereinigungen im breiten Themenspektrum der angewandten Hygiene sich für eine Mitgliedschaft im VAH interessierten. In der Desinfektionsmittel-Kommission haben zudem Vertreter des Robert Koch-Instituts, der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft und der Bundeswehr ein Gastrecht. Abhängig von den Themen wird auch ein Vertreter der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV) zu den Sitzungen eingeladen.

H&M: Sie haben darauf hingewiesen, dass das Hauptaugenmerk des VAH derzeit auf der Desinfektion und Antiseptik liegt. Die Desinfektionsmittel-Kommission im VAH ist ein Expertengremium für chemische Desinfektionsverfahren zur Infektionsprävention in medizinischen und öffentlichen Bereichen. Welches sind die besonderen Merkmale der Arbeit dieser Kommission?

V.H. Fachliche Unabhängigkeit und Transparenz sind Eckpfeiler der Identität des VAH und damit auch der Desinfektionsmittel-Kommission, die aus derzeit 17 Wissenschaftlern besteht, die keiner Firma angehören dürfen, die Desinfektionsmittel herstellt oder in den Verkehr bringt. Wir standen mit Gründung des VAH in der Kommission vor der Aufgabe, vor dem Hintergrund des Dialoggedankens zwischen allen Beteiligten zeitgemäße Formen einer fachlichen Zusammenarbeit mit der Industrie zu entwickeln. Mit der „4+4-Arbeitsgruppe“, bestehend aus je 4 Experten der Kommission und 4 Wissenschaftlern von Firmen, die im Industrieverband Hygiene auf Oberflächen (IHO) organisiert sind, haben wir 2004 ein paritätisch besetztes Gremium geschaffen, das insbesondere bei der Entwicklung von Prüfmethoden beratend tätig ist. Da sich zum Teil die gleichen Personen in den nationalen und internationalen Normierungsgremien (DIN und CEN) wieder begegnen, liegt der besondere Reiz der „4+4-Arbeitsgruppe“ u.a. in der Möglichkeit, im Vorfeld Meinungen und fachliche Einschätzungen austauschen zu können.

H&M: Die Entwicklung und Veröffentlichung standardisierter Methoden zur Validierung der Wirksamkeit von Desinfektionsverfahren ist eine der wesentlichen Aufgaben der Kommission. Welche Möglichkeiten hat die DMK, sich bei der nationalen und europäischen Normenarbeit in diesem Bereich einzubringen?

V.H.: Zum einen unterstützen wir im Bereich Desinfektionsmitteltestung die Arbeit von DIN und CEN mit namhaften Beträgen, die wir aus den Gewinnen der Desinfektionsmittel-Kommission abführen. Diese finanzielle „Eintrittskarte“ ist immer Voraussetzung, um in den Normierungsgremien überhaupt gleichberechtigt mitarbeiten zu können. Leider sind Verbände, die die Interessen von Anwendern oder von Patienten vertreten, in derartigen Gremien oft unterrepräsentiert, mitunter gar nicht vorhanden. Dadurch können Ungleichgewichte bei der Interessenvertretung begünstigt werden, da es zu einer Dominanz durch Vertreter von Hersteller- und Handelsverbänden und -organisationen kommen kann. Die Vertreter des VAH sehen sich hingegen insbesondere den Interessen der Anwender verbunden. Zum anderen müssen wir allzu häufig feststellen, dass auf europäischer Ebene bei der Festlegung von Qualitätsstandards und Prüfmethoden für Desinfektionsmittel in den Ländern mit unterschiedlicher Geschwindigkeit gefahren wird. Der VAH hat daher teilweise eine Vorreiterfunktion übernommen, ja übernehmen müssen, denn unter seinen Mitgliedern ist besonders viel Expertenwissen zur Prüfmethodik vorhanden. So wird in Kürze ein Methodenbuch erscheinen, das auch für die fachliche Arbeit in den Normungsgremien eine wichtige Basis darstellt. Über Herrn Dr. Gebel, den Geschäftsführer der Desinfektionsmittel-Kommission, ist es ferner durch seine Tätigkeit als Working Group Convener (Ausschussvorsitzender) möglich, immer wieder die europaweite Entwicklung und Harmonisierung von Prüfmethoden zu fördern. Denken Sie z.B. nur an die vielen noch offenen Fragen bei der Überprüfung der Viruswirksamkeit von Desinfektionsmitteln.

H&M: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Fortentwicklung von Prüfmethoden? In der Vergangenheit gab es gelegentlich Stimmen, die von deutschen Alleingängen sprachen und argwöhnten, dass sie hauptsächlich zur Belebung des Gutachterwesens ständig modifiziert würden. V.H.: Kritik ist mir stets willkommen, wenn sie begründet ist. Es hat in der Tat immer wieder derartige Stimmen gegeben. Sie kamen aber meist entweder aus Hersteller- und Handelskreisen, wenn bei ihren Produkten durch Verbesserungen der Prüfmethoden Schwachstellen entdeckt werden mussten, oder aus einer Richtung, die sich unzureichend mit den vielen Unwägbarkeiten der Wirksamkeitsprüfung auseinandergesetzt hat. Wie in praktisch allen Bereichen der Medizin erleben wir auch bei der Evaluierung von Prüfmethoden für die Desinfektion ständig neue Erkenntnisse. Sollen wir diese ignorieren, um Dritten Marktanteile zu sichern? Auch auf die Gefahr hin, dass der Nutzer unsichere Produkte anwendet? Daran kann doch wohl kein seriöser „Player“ ein Interesse haben!

H&M: Die Zertifizierung von Desinfektionsmitteln auf der Grundlage von Konformitätsbewertungsverfahren und die Zusammenstellung von zertifizierten Produkten in Form einer Liste basiert auf jahrzehntelanger Erfahrung. Welchen Einfluss hat dieses Zertifizierungswesen Ihrer Ansicht nach auf den Desinfektionsmittelmarkt?

V.H.: Es ist aus meiner Sicht – und die wird von vielen geteilt – ein unverzichtbarer Baustein der Qualitätssicherung, Ergebnisse der Wirksamkeitsprüfung von Desinfektionsmitteln zu veröffentlichen. Schauen Sie sich nur die rasante Entwicklung der VAH-Liste über die letzten 10 Jahre an! Sie wird in den gesetzlichen und normativen Regelwerken im deutschsprachigen Raum als Qualitätsindikator zitiert und genießt wachsende internationale Anerkennung. Wir erhalten zunehmend Anträge auf Zertifizierung von ausländischen Firmen, auch wenn sie „nur“ in ihren Ländern mit ihren Produkten im Markt sind. Wer mit seinen Produkten in der VAH-Liste geführt wird, demonstriert seine Bereitschaft, sich für die Sicherheit seiner Produkte kontinuierlich einem externen, transparenten QM- System zu stellen. Wer gelistete Produkte anwendet, erwartet zu Recht Sicherheit. Dass die Anwender bei der Auswahl ihrer Desinfektionsmittel-Produkte auf das Qualitätssiegel VAH achten, sehen wir in den vielen Anfragen nicht nur aus Kliniken und Praxen, sondern auch aus Schwimmbädern, Schulen oder anderen öffentlichen Einrichtungen.

H&M: Sie sprechen die Verantwortung für die Qualitätssicherung an, der sich der VAH stellt. Können
Sie dafür außer der Zertifizierung und Entwicklung von Prüfmethoden weitere Beispiele geben?

V.H.: Ich möchte auf drei neuere Aktivitäten hinweisen, die in den letzten Jahren verstärkt bzw. initiiert wurden: Ringversuche der Gutachterlabore, Marktkontrollen und Viruswirksamkeit. Mittlerweile nehmen praktisch alle Labors, die bei der Entwicklung und/oder der Begutachtung von Desinfektionsmitteln Wirksamkeitsprüfungen durchführen, an den Ringversuchen des VAH teil. Sie sind zentraler Bestandteil der Bedingungen, die bei der Akkreditierung von Labors erfüllt sein müssen.

Bei der Überprüfung von Präparaten, die wir unangemeldet und verdeckt aus dem Handel ziehen, nutzen wir ein eigens im Bonner Hygiene-Institut bei Herrn Prof. Exner eingerichtetes Prüflabor des VAH. Neben punktuellen Schwächen von Handelsproben, die offensichtlich der Endkontrolle beim Hersteller entgangen waren, haben wir in der Vergangenheit auch bei bestimmten chemischen Formulierungen Wirksamkeitslücken gegen einzelne Testkeime entdecken müssen, die bei der Begutachtung nicht aufgefallen waren. Es ist zwar erfreulich, dass die daraufhin angesprochenen Firmen – mit unterschiedlicher Begeisterung – in allen Fällen im Endeffekt die Ergebnisse der Nachtestungen akzeptiert und ihre Produktion umgestellt haben, es wird aber auch deutlich, wie wichtig derartige Überprüfungen sind. Wir werden hier in Zukunft unsere Aktivitäten eher noch steigern.

Die schleppende Entwicklung von europäischen Prüfverfahren zur Bestimmung der Viruswirksamkeit ist vielen ein Dorn im Auge gewesen. Zu Recht haben die Anwender aus Kliniken, Einrichtungen der Altenpflege und Praxen wiederholt beklagt, dass frühere VAH-Listen keine Hinweise zur Viruzidie enthielten. Angesichts der – mittlerweile auch auf Betreiben der deutschen CEN-Mitglieder überwundenen – Verzögerungen in der Entwicklung geeigneter Prüfmethoden hat der VAH vor 2 Jahren beschlossen, in Abstimmung mit der für die Fragen der Viruzidie federführenden Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV) Konformitätsanalysen von Gutachten zur Viruswirksamkeit durchzuführen, soweit sie von den Firmen überhaupt zur Verfügung gestellt wurden. Wir sind derzeit noch mitten drin in diesem bisweilen mühsamen Prozess, da nicht alle Firmen die Untersuchungsberichte zur Überprüfung vorlegen und lieber die Entwicklung europäischer Prüfmethoden abwarten möchten. Der VAH kann hier nur durch Appelle einwirken, hat aber durch die Aufnahme einer Spalte zur Viruswirksamkeit in der VAH-Liste einen wichtigen Fortschritt in der Qualitätssicherung erzielen können. Wie bei anderen Fragestellungen hat es sich auch in diesem Fall bewährt, dass das RKI eine ständige Gastrolle in der
Desinfektionsmittel-Kommission einnimmt und die Erfahrungen seiner Mitarbeiter aktiv einbringt.

H&M: In der Pressemitteilung, die zur Gründung des VAH vor 10 Jahren herausgegeben wurde, steht unter anderem auch zu lesen, dass durch die Gründung dieses Verbundes eine Bündelung der Kräfte auf dem Gebiet der angewandten Hygiene erreicht werden soll, um den sich wandelnden Herausforderungen auf nationaler und internationaler Ebene besser begegnen zu können. Zudem soll durch die Zusammenarbeit verschiedener Institutionen, durch die aktive Mitarbeit in übergreifenden Projekten und durch die verstärkte Öffentlichkeitsarbeit die medizinische Hygiene in allen Bereichen des Gesundheitswesens gefördert und die Ausbildung von Nachwuchs unterstützt werden. Wie bewerten Sie im Rückblick auf die vergangenen 10 Jahre die Positionierung des VAH?

V.H.: Ich muss hier zunächst auf die Ausgangslage hinweisen und etwas ausholen. In den ersten Jahren nach der Gründung war der VAH in einer äußerst schwierigen Lage und gelegentlich vom Scheitern bedroht. Ohne finanzielle Ausstattung aus Rücklagen und unter selbstverständlichem Verzicht auf Zuwendungen Dritter galt es, die vorübergehend eingebrochene Auftragslage zur Zertifizierung anzukurbeln, ein Service-Team in einer neuen Geschäftsstelle aufzubauen und eine Vereinsstruktur aufzubauen, die den rechtlichen Rahmenbedingungen entspricht. Insbesondere in der Anfangsphase wäre dies ohne das überdurchschnittliche persönliche Engagement einiger Mitglieder der Desinfektionsmittel-Kommission nicht möglich geworden! Als erstes Kooperationsmodell wurde dann eine Vereinbarung mit dem IHO entwickelt, die die Grundlage für den eingangs erwähnten erfolgreichen fachlichen Dialog in der „4+4-Arbeitsgruppe“ legte. Die Zusammenarbeit mit den Fachgesellschaften entwickelte sich zunächst eher zögerlich. Nur mit viel Geduld konnten Bedenken gegen einen weiteren Verein mit „Hygiene“ im Namen über die Jahre ausgeräumt werden. Von Bündelungsoptionen am Anfang also keine Spur.

Mittlerweile hat der VAH im Themenbereich Desinfektion und Antiseptik einen festen Platz im Programm des DGKH-Kongresses und ist Partner des ÖGD-Bundesverbandes auf dessen alljährlichem Bundeskongress. Dieser wird ebenso wie die drei Fachgesellschaften der Hygiene in seiner/ihrer Arbeit auf dem Gebiet der Angewandten Hygiene alljährlich durch eine Sockelzuwendung und durch projektbezogene Zuschüsse alimentiert. Über die Zeit hat sich ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis aufbauen lassen, das dem VAH in den letzten Jahren wiederholt eine Rolle hat zukommen lassen, die er gerne ausfüllt: als Moderator und Organisator von Gesprächen und Sitzungen zu dienen, an denen sich die Fachgesellschaften der Hygiene und die Berufsverbände beteiligen. Letztes Beispiel war unlängst die Entwicklung von gemeinsamen Positionen für die Formulierung von Rahmenbedingungen und Inhalten für die von der Bundesärztekammer beschlossene curriculare Fortbildung zum Krankenhaushygieniker. In Arbeitsgruppen und Beiräten (z.B. Entwicklung von DART, Beirat der ASH) entsendet der VAH auf Wunsch ebenfalls Vertreter. Bündelungen haben in der deutschsprachigen Hygieneszene keine langjährige Tradition aufbauen können, wenn ich mal den Zeitraum seit 1977 reflektiere, in dem sich mein Berufsleben abspielte. Wenn heutzutage jedoch Polarisierungen etwas seltener zu beobachten sind als früher, mögen daran auch der VAH und seine Akteure mitgeholfen haben.

H&M: Diese Vernetzung und Bündelung ist in der Tat ein für uns alle sehr wichtiger Beitrag des VAH. Wagen wir zum Schluss einen Blick in die Zukunft: Wo wird der VAH in den nächsten 10 Jahren seine fachlichen Schwerpunkte setzen?

V.H.: Das wird im Wesentlichen durch die Fragestellungen der Praxis bestimmt werden. Die Leistungsverdichtungen in der Medizin stellen immer wieder neue Anforderungen an die Definitionen von Sicherheitszuschlägen, Restrisiken und Evidenz. Abwägungsprozesse zwischen Wirksamkeit, Toxikologie, Arbeitsschutz, Umweltverträglichkeit und Ökonomie werden global an Bedeutung zunehmen. Dem wird sich auch der VAH stellen müssen. Daneben gilt es weiterhin, Hausaufgaben zu machen, sei es in ganz praktischen Dingen wie beispielsweise dem Einsatz von vorgetränkten Tüchern aus Spendern, der Wirksamkeitsüberprüfungen durch Marktkontrollen, der Standardisierung der Anwendungsverfahren von Desinfektionsmitteln oder bei der Wertbestimmung von als viruzid ausgelobten Präparaten, über die in den künftigen Auflagen der VAH-Liste, in Mitteilungen der Desinfektionsmittel-Kommission und in Fortbildungsangeboten berichtet wird.

H&M: Danke für das Gespräch und herzlichen Glückwunsch zum 10-jährigen!

Das Interview für die Fachzeitschrift Hygiene & Medizin (H&M) führte Carola Ilschner, Wiesbaden.

Geschäftsstelle des Verbunds für Angewandte Hygiene e.V.,
Dr. Jürgen Gebel, Sigmund-Freud-Str. 25, E-mail: info@vah-online.de, Web: www.vah-online.de